Ich nehme meine Kleider vom Bügel. Eines nach dem anderen lege ich in meinen großen abgewetzten Koffer.
Die leeren Bügel klacken aneinander. Ich lege noch ein Buch hinein, Ladekabel und meine Kulturtasche. Schließe den Koffer und nehme ihn vom Bett und streiche das Laken glatt.
Die Türen lasse ich alle offen, auch die vom Schrank.
Langsam gehe ich den Flur entlang, verbiete mir auf die Fotos an der Wand zu sehen. Zwei Menschen, die zusammen in die Zukunft blicken, in die Kamera grinsen, Händchen halten. Alles ist bunt, nicht einfach nur noch schwarz-weiß.
Der Weg die Treppe hinunter fühlt sich schwer an, als würde ein Gewicht mich hinunter ziehen. Vielleicht ist es der Koffer, vielleicht auch nur mein schweres Herz.
Ich gehe noch einmal ins Wohnzimmer. Die Decke auf dem Sofa falte ich zusammen, räume den Couchtisch auf. Ich mag es nicht, wenn die Fernbedienung auf dem Sofa zwischen den Kissen verschwindet. Auf dem Boden liegen Socken, ein Pullover. Das ist mir jetzt egal.
In der Küche spüle ich noch schnell die zwei Tassen, ein paar Teller und den großen Topf. Ich muss richtig schrubben, um ihn sauber zu bekommen. Bemerke nicht, wie sich der Schlüssel in der Haustür dreht. Summe ein Lied, das im Moment ständig im Radio läuft.
Ich lege den Topf an den Rand der Spül. Drehe mich um, will gehen.
Da stehst du plötzlich in der Tür. Schaust mich an.
Den Koffer im Flur hast du längst gesehen.
„Geh nicht“, sagst du. Deine Augen sehen müde und traurig aus.
Ich drehe mich wieder zurück, lege ein Küchentuch über das abgewaschene Geschirr. Spüre mein Herz heftig schlagen. Du bist viel zu früh nach Hause gekommen.
„Ich kann deine Liebe nicht mehr spüren“, antworte ich leise.
Du kommst näher. Dann stoppst du plötzlich, gehst zur Terrassentür und schaust hinaus.
Ich wende mich dir zu. Blicke dich an, weiß nicht wohin mit mir.
Du schweigst lange, schaust einfach nur hinaus.
Ich weiß, ich muss fort.
Atme tief ein und gehe langsam Richtung Flur.
„Gib und noch eine Chance. Lass und das ‘uns’ wiederfinden.“ Deine Stimme schwankt zwischen Hoffnung und Angst.
Ich stoppe, kann mich nicht mehr bewegen, stehe einfach nur da. Du kommst zu mir, drehst mich sanft an der Schulter zu dir um. Deine Augen glänzen, sind ein bisschen rot.
Du nimmst mich in den Arm, ganz leicht. Ich spüre deine Wärme, deinen Atem an meinem Hals. In mir bröckelt es und dann stürzt alles ein. Die hohen Mauern aus Wut, aus Enttäuschung und Einsamkeit, die mein kleines Ich so mühsam errichtet hat.
„Ich will nicht gehen“, flüstere ich und spüre heiße Tränen in meine Augen steigen. „Ich kann das so einfach nicht mehr.“
„Es wird ganz bestimmt wieder besser“, spricht du uns beiden leise Mut und ziehst mich fest an dich.
Ich fühle mich leer, als hätte jemand alle Energie aus mir herausgepresst. Im Flur steht mein Koffer. Ich nehme ihn mit nach oben. Bleibe vor den Fotos stehen. Ich weiß, ich will all das wieder zurück.
Einen Moment starre ich in meinen abgewetzten Koffer, dann nehme ich meine Kleider heraus, hänge sie zurück in den Schrank. Eines nach dem anderen.
Nicht weil plötzlich alles gut ist, sonder weil ich doch noch nicht fertig bin zu kämpfen. Als ich den leeren Koffer wieder unter das Bett schiebe, spüre ich seit langem wieder so ein Gefühl wie Hoffnung in mir.




